Wanderfahrt nach Hamburg – Eine Tour der Widersprüche

Wer eine Reise tut, kann was erzählen – oder duschen. Vorausgesetzt, man fühlt sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig. Denn zu Beginn unserer „Tour der Widersprüche“ gab es exakt eine Dusche: die für Damen.
Willkommen in Hamburg im Jahr 2025 – wo der Kellner divers ist, die Toiletten bunt gemischt und das vegetarische Gericht mit Putenbrust serviert wird. Inklusiver geht’s wirklich kaum.

Mittwoch – Anreise mit warmem Rückenwind
Fast pünktlich, hochmotiviert und bester Stimmung starteten sechs Ruderkameraden am Mittwochnachmittag gen Norden. Kein Stau, keine Panne – dafür aber auch keine Klimaanlage. Der Vereinsbus verwandelte sich allmählich in eine fahrende Sauna.
Zum Glück gab’s Beifahrerin Sandra, die unseren Fahrer Heinz liebevoll mit Snacks und Wasser versorgte – auch wenn dieser heimlich von seinem Käsebrot träumte, das bis zur Pause beim Restaurant mit den goldenen Bögen warten musste.
In Hamburg angekommen, wurden wir am Bootshaus der Wikinger-Wanderrudergesellschaft herzlich empfangen – von Corinna, Patrick und Flummi (dem Hund, nicht dem Spielzeug). Im Handumdrehen wurde der Vereinsraum zum Schlaflager umfunktioniert: Matten ausrollen, Kaltgetränke öffnen, neue Isomatten testen – Abenteuerfeeling pur. Und mit Ü50 auch ein Hauch von „Hoffentlich steh ich morgen wieder auf“.

Donnerstag – Elbe, Eis und Ebbe
Schon beim Frühstück wurde klar: Wer spät kommt, bringt Brötchen. Unser letzter Mann aus Frankfurt rollte direkt vom Zug ans Buffet – und hatte frisches Backwerk im Gepäck. Perfekt!

Unsere Ruderflotte klang wie die nordische Götterwelt persönlich: Sigyn, Fafnir, Aegir und der C-Vierer Gefion. Für uns Rheinländer: himmlisch exotisch.

Kleines Boot vor großem Boot

Die Tour führte uns durch den Hafen, vorbei an der Elbphilharmonie, über die Außenalster – Schleusen inklusive.
Unterstützung bekamen wir von Wikinger-Urgestein Ullrich, von Melanie – und natürlich Bootshund Flummi, der seine Rolle als Moraloffizier mit Bravour meisterte. Nur beim Aussteigen zeigte sich ein kleines Missverständnis über den Abstand zum Steg – platsch. Natürlich geschah das ausgerechnet beim renommiertesten Ruderclub Hamburgs!
Dank Ullrichs Beziehungen durften wir dort sogar die „heiligen Hallen“ (sprich: Toiletten) betreten. Generell war Ullrich unsere wandelnde Seekarte mit eingebautem Echolot und Tidenplan im Kopf.

Das Wetter zeigte sich noch ausbaufähig. Besonders die Mannschaft der Cefir, etwas unterbesetzt, bekam kräftig Wind und Wellen ab. Die Kombination aus Böen, Containerriesen und Wellengang – spektakulär, aber respekteinflößend.
Über Binnen- und Außenalster ging es dann entspannter weiter – vorbei an prachtvollen Villen, duftenden Rosen und gepflegten Parkanlagen. Ein bisschen wie Rudern durch eine Hochglanz-Gartenzeitschrift. Kulinarischer Höhepunkt: Vanilleeis mit Rhabarbergrütze – direkt vom Boot bestellt, an Bord verzehrt.

Zum Schluss wurde es für uns Rheinländer noch lehrreich: Tide. Wer sie nicht kennt, wundert sich sehr, wenn das Wasser plötzlich einfach – weg ist. Eben noch breiter Fluss, dann ein schmales Rinnsal. Wir waren schlicht zu früh dran. Also hieß es: Warten, Beobachten – und Enten beim Schlickrutschen zusehen. Und die alte Bootsregel – alles, was im Boot passiert, bleibt im Boot – also fast alles …
Nach dem Duschen (sofern man durfte) ging’s weiter zu den Landungsbrücken – Kaltgetränk, Nieselregen, Nordflair. Und dann: spontane Elphi-Tour! Der Ausblick atemberaubend, der Wind hanseatisch, die Wiedererkennung überraschend: „Das sind doch Westerwälder!“ Tja, unsere roten GTRVN-Pullis verraten alles. Natürlich wurden die Wäller sofort verpflichtete, ein Gruppenfoto von uns zu schießen – alle drauf, keiner musste sich fürs Selfi verrenken.

Freitag – Sonne, Schloss & Staubsaugerterror
Neuer Tag, neue Boote, neues Glück. Die Sonne lachte, die Brötchen pünktlich, die Laune hervorragend. Heute ging’s in kleinerer Besetzung los – unter anderem im Zweier. Für manche das erste Mal auf dem Steuerplatz, dank Schlagmann Eberhardt allerdings pädagogisch wertvoll und völlig kollisionsfrei.

In der Speicherstadt

Wir ruderten durch die Speicherstadt, enge Binnenkanäle und naturbelassene Nebenarme – inklusive eines Nilgans-Großfamilientreffens. Hunderte Gänse, hunderte Meinungen. Wir mittendrin.
Ziel: Bergedorf – mit Kirche, Schlossgarten und jeder Menge Kultur. Die Sonne gab alles, Schatten war Mangelware. Dafür entschädigte uns der diverseste Kellner nördlich der Elbe mit Alsterwasser, Pasta und – natürlich – „vegetarischer Ofenkartoffel mit Putenbrust“.

Abends dann Naturidylle am Bootshaus: Ein Reh hüpfte vorbei, Flummi kommentierte das lautstark, und um 1:00 startete der Staubsaugerroboter seinen nächtlichen Angriff auf Marco aus Düsseldorf. Der Kampf war kurz und entschieden. Sieger: Mensch. Waffe: Stecker ziehen.

Samstag – Naturdschungel & Bootsanleger-Träume
Der Sommer war da! Unsere Boote glitten durch verwunschene Kanäle, nur wenige Kilometer von der Großstadt entfernt – aber es fühlte sich an wie mitten im Dschungel. Umgestürzte Bäume, enge Passagen, glitschige Äste, Teppiche aus Seerosen: Nervensache für jede Steuerfrau und jeden Steuermann. Doch wir meisterten es bravourös.
Mittagspause im Landhaus Voigt – ein Paradies mit eigenem Bootsanleger (bitte sofort am Rhein nachrüsten!). Die Bratkartoffeln: Weltklasse. Die vegetarische Ofenkartoffel mit Putenbrust – ein Klassiker unserer Widersprüche.

Da wir flott unterwegs waren und die Tide auf sich warten ließ, wurde die Pause lang und gemütlich. Beim Alstergetränk entstand die spontane Idee eines Grillabends bei den Wikingern – Gastgeber Ullrich war sofort dabei. Putz- und Einkaufscrew wurden blitzschnell gebildet.

Zurück am Bootshaus: Boote reinigen – bitte streng nach Wikinger-Protokoll! Danach Salat, Melone, Würstchen, Würfelspiele. Und für die Unternehmungslustigen: eine nächtliche Hafenrundfahrt mit der Linie 62 – echter Hamburger Geheimtipp. Der Museumshafen hatte zwar schon Zapfenstreich, aber das Portugiesenviertel bot den perfekten Schlummertrunk.

Sonntag – Dampf, Diesel & der heiße Heimweg
Zum krönenden Abschluss: eine exklusive Führung auf der „Stettin“, einem Dampfeisbrecher mit Herz, Stahl und Handarbeit. Der Maschinenraum war angeheizt, die Heizerinnen und Heizer (ja, tatsächlich auch engagierte Frauen dabei!) arbeiteten beeindruckend synchron. Kein Bluetooth, kein WLAN – nur Ventile, Muskelkraft und ein Sprachrohr zur Brücke.
Warum kein Diesel? Weil eine Dampfmaschine blitzschnell vor- und zurückschalten kann – entscheidend, wenn man im Eis steckt. Technisch faszinierend und nostalgisch zugleich. Dampfmaschinenfan Heinz nahm gleich den Mitgliedsantrag des Fördervereins freudestrahlend mit.

Die Rückfahrt war tropisch: ohne Klimaanlage, mit Stau, aber mit jeder Menge Geschichten – und dem guten Gefühl, eine großartige Zeit erlebt zu haben. Der Bus hielt durch. Wir auch.

Fazit
Eine Wanderfahrt voller Widersprüche – warm, windig, wunderbar.
Mit Boot, Brötchen, Bratkartoffeln und einem Staubsauger mit Killerinstinkt.
Wer braucht schon All-Inclusive, wenn man Hamburg mit dem Ruderboot entdecken kann?

Kirsten Spark