Die Federweißer/n-Tour ein Auslaufmodell?

Egal ob man die seit Jahrzehnten beim GTRVN etablierte zweitägige Herbst-Wanderfahrt auf dem Rhein von Mainz/Wiesbaden nach Neuwied als Federweißer- oder Federweißen-Tour bezeichnet, alle älteren und mittelalten Vereinsmitglieder kennen diese Tour oder haben zumindest schon davon gehört und gelesen. Es gibt sie einmal als Basis-Version mit Übernachtung in Bootshäusern und Gepäck-Transport im Boot und einmal als Komfort-Version mit Hotelübernachtung und Gepäcktransport auf dem Landweg. Nachdem die Komfort-Version dieses Jahr erstmalig auf die Mosel verlegt wurde, schrumpfte das Teilnehmerfeld der Basis-Version auf neun Teilnehmer zusammen. Ist dies ein Grund zur Sorge oder muss man akzeptieren, dass auch Traditions-Wanderfahrten dem Prozess der Veränderung unterworfen sind?

Aber nichtsdestotrotz startete ein kleiner Kreis der Basis-Wanderfahrer, verstärkt durch Bernd und Wencke Schmidt sowie unserer Tochter Leonie mit dem gemeinsamen Abendessen im Bootshaus der Biebricher Rudergesellschaft. Am Abend war es noch so mild, dass wir ein Glas Federweißen als Schlummertrunk im Außenbereich der Gastronomie verkosteten. Der angekündigte Wetterumschwung ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Nach einer unwettergepeitschten Nacht im Kraftraum des Bootshauses nahmen wir unser Frühstück traditionsgemäß unter den Bootshausarkaden ein. Die nächtliche Unwetterfront hatte sich verzogen. Lediglich den starken Nordwest-Wind hatte sie uns als Andenken zurückgelassen.

Am Vormittag waren wir froh, dass es nicht mehr regnete und versuchten, uns den Wind schönzureden. Unsere Hoffnung, ab Bingen würde sich der Wind legen, hatte sich bereits wenige Minuten hinter Bingen in Luft, bzw. Wind aufgelöst. Zur nachmittäglichen Pause in Bacharach waren wir alle windgeschädigt und stürzten uns hemmungslos auf das Drei-Sterne-Kuchenbuffet von Joschs Rheinblick. Offenbar hat Josch einen guten Griff getan und eine fähige Kuchenbäckerin eingestellt. Die Kuchenauswahl, die zuvor immer aus verschiedenen Tiefkühltorten bestanden hatte, war durch eine Variation selbst hergestellter Kuchen ersetzt worden, was wir wohlwollend zur Kenntnis nahmen. Noch unter einem Zuckerschock stehend, traten wir dem Wind selbstbewusst entgegen und ließen die Boote wieder zu Wasser.

Der Federweißer/n darf nicht fehlen

Nachdem das Anlegemanöver in Bacharach aufgrund des extremen Niedrigwassers schon abenteuerlich gewesen war, legten wir mit größter Vorsicht wieder ab und begaben uns zurück ins belebte Fahrwasser. Schon am Vormittag hatte reger Schiffsverkehr geherrscht. Frachtschiffe, Flusskreuzfahrer und Fahrgastschiffe fuhren nahezu im Konvoi den Rhein hinauf und hinunter. So setzte es sich auch in Richtung Loreley fort. Nach über 40 Jahren Rheinerfahrung entschied Martin sich in diesem Jahr erstmalig, die Loreley auf der linken Rheinseite zu nehmen. Eine völlig neue Perspektive für Obmann und Mannschaft, aber durchaus praktikabel! Nach unserer Ankunft am Etappenziel St. Goar waren wir alle rechtschaffen müde. Den Abend ließen wir in der Pizzeria Alla Fontana ausklingen, bevor wir in unseren an diesem Tag wohl verdienten Schlaf fielen und von einem sonnenverwöhnten und windstillen Sonntag träumten, aber nicht alle Träume werden wahr!

Die noch warmen Brötchen, die der einzig verbliebene St. Goarer Bäcker uns extra vor seiner offiziellen Ladenöffnungszeit am Sonntag verkaufte, ließen wir uns an unserer Frühstückstafel im St. Goarer Bootshaus schmecken. Kaum saßen wir in unseren Booten, stellte er sein Gebläse wieder ein, der Wind! Wir hätten ihn nicht vermisst, aber er ließ sich die Teilnahme an unserer Tour nicht verwehren.

Eigentlich hätte uns unser stürmischer Begleiter gereicht, aber in Richtung Norden wurde es zunehmend dunkelgrau bis schwarz. Dann war er da, der Hagel und peitschte auf das Wasser und natürlich auch auf uns. Beim Blick zurück, um nach Hindernissen Ausschau zu halten, traf ein Hagelkorn mitten in Martins Auge. Wer sich vorher Regenkleidung angezogen hatte, kam mit einigen wenigen nassen Stellen davon, alle anderen waren nass bis auf die Haut. Hätte sich nicht die Luft an diesem Wochenende von spätsommerlichen Temperaturen am Freitag auf einstellige Temperaturen am Sonntag abgekühlt, wäre das noch ganz gut auszuhalten gewesen. Die nasse Kälte fühlte sich jedoch alles andere als angenehm an. Wir legten bei der RG Lahnstein an und hatten Glück, dass das Bootshaus geöffnet war. So konnten wir uns dort umziehen und immerhin mit trockener Kleidung in die Mittagspause starten.

Drei müde Ruderinnen vor dem Bootshaus in St. Goar

Weitere Wetterkapriolen blieben uns bei der Weiterfahrt nach Neuwied erspart. Als wir gegen 17 Uhr völlig erschöpft im „Heimathafen“ eintrafen, hätten wir die Deichtreppen gerne mit einem Boots- und Gepäck-Aufzug versehen, aber wie immer, schafften wir es auch jetzt, Boote, Bootsmaterial und Gepäck mit gemeinsamen Kräften hinüberzuschleppen. Pflichtbewusst wurden auch die Boote noch der üblichen gründlichen Wanderfahrtsreinigung unterzogen.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob weiterhin Interesse am Basis-Angebot der Federweißen-Tour besteht oder ob man über Veränderungen nachdenken muss, um die Tour attraktiver zu gestalten. Was nicht planbar ist, sind Wind und Wetter. Den Wind würde ich jedenfalls im nächsten Jahr gerne zu Hause lassen und stattdessen wieder mehr Teilnehmer mitnehmen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob der Wind sich daran halten wird!

 

Bettina Grzembke