Von Träumen und einem Trauma
- Martin Rummel
- 25. Mai 2026
– Moldau-Elbe-Wanderfahrt mit der Nimm Zwei im Mai 2026 –
Lange schon hatten Martin und ich den Traum, einmal durch Prag zu rudern. Natürlich lohnt es sich nicht, nur für eine Stadtdurchquerung im Ruderboot nach Prag zu reisen. Also musste noch ein sinnvoller Rahmen für die Umsetzung unseres Projektes geschaffen werden. Wir entschieden uns für eine mehrtägige Wanderfahrt mit Startpunkt in Prag und Endpunkt in der Lutherstadt Wittenberg. Die Logistik war nicht ganz einfach, aber möglich.
Die Nimm Zwei wurde mit dem Anhänger nach Prag gebracht, bei einem der dortigen Rudervereine zwischengelagert und Auto einschließlich Anhänger wurden am nächsten Tag zum Ruder-Club Wittenberg vorgefahren. Die Rückfahrt nach Prag erledigten wir am gleichen Tag mit dem Zug. Am nächsten Tag gönnten wir uns noch ein Sightseeing-Programm in Prag. Unser deutschsprachiger Stadtführer zeigte uns Neu- und Altstadt sowie Teile des Judenviertels. Er ließ uns nicht nur an seinem umfangreichen geschichtlichen Wissen teilhaben, sondern machte uns auch mit der Kulinarik der Stadt vertraut. Tschechisches Bier, ein Kräutertrunk namens Becherovka, böhmische Mehlspeisen und Kuchen, Knödel und deftige Fleischgerichte sind nur einige der Empfehlungen, die er uns mit auf den Weg gab.
Am nächsten Morgen starteten wir bei Sonnenschein und voller Euphorie in unser selbst gewähltes Ruderabenteuer. Die Bedenken zu Wartezeiten an den tschechischen Schleusen fegten wir etwas voreilig an der ersten Stadtschleuse vom Tisch. Wir fuhren ohne Wartezeit ein und wurden sofort geschleust. Nachdem wir das Stadtpanorama ausgiebig vom Wasser aus bestaunt und fotografiert hatten, näherten wir uns der zweiten Schleuse. Ein Boot der tschechischen Wasser-und-Schifffahrtsverwaltung gab uns die ernüchternde Auskunft, dass gerade Arbeiten an der Schleuse verrichtet würden und avisierten die nächste Talschleusung in einer Stunde. Genauso schnell wir unsere Euphorie bezüglich der ersten Schleusung schlug auch das Wetter um. Der Wind wehte kalt und zu ihm gesellte sich ein unangenehmer Regenschauer. Aber immerhin ging es nach einer Stunde tatsächlich weiter und auch die dritte Schleuse konnten wir ohne Schwierigkeiten nehmen. Anders sah es dann an der vierten Staustufe aus. Auf meinen Anruf hin, bekam ich nur eine kurze, aber klare Ansage vom Schleusenwärter, dass er nur Motorboote schleuse, uns jedoch nicht. Auch ein zweiter Anruf brachte kein anderes Ergebnis. Als Martin auf dem Schleusengelände aus dem Boot ausstieg, um sich nach einer Umtragemöglichkeit umzusehen, wurde er auf Tschechisch böse beschimpft. Also ruderten wir ein Stück zurück, holten unser Boot an einer mehr oder weniger geeigneten Stelle aus der Moldau und schoben es bei strömendem Regen samt Gepäck auf unserem kleinen Wagen 2 ½ km an der Moldau entlang. Durch den Hinweis einer vorbeifahrenden Polizeistreife fanden wir eine Stelle, um das Boot wieder ins Wasser zu lassen. Das Ufer eignete sich nämlich nicht wirklich, um Ruderboote zu zweit sicher ins Wasser zu lassen. Endlich ging es weiter! Jedenfalls bis zur fünften und für diesen Tag letzten Schleuse. Inzwischen war es spät geworden und immer wieder gingen unangenehme Regen- und Graupelschauer auf uns nieder. Die Schleusenampel stand auf „Grün“ und wir beeilten uns, um einfahren zu können. Im letzten Moment vor der Einfahrt ging die Ampel auf „Rot“ und der Schleusenwärter gab uns durch eindeutiges Abwinken zu verstehen, dass er uns nicht mitschleusen wird. Ein Anruf ergab aber immerhin, dass er uns in 50 Minuten bei der nächsten Talfahrt einfahren lassen wird. So frustriert waren wir selten auf einer Rudertour. Es war spät, kalt, nass, wir hatten Hunger und waren uns nach der Vorerfahrung nicht sicher, ob er uns wirklich schleusen würden. Er tat es dann aber und wir kamen nach zehnstündiger Ruderzeit um 20 Uhr endlich an unserem Tagesziel, einer Marina in Nelahozeves, an. Aus unserem Traum einer rudernden Durchquerung von Prag waren nach nur einem Tag ein nasskalter Albtraum und ein wahrhaftiges Schleusentrauma geworden, das noch ein paar Tage anhalten sollte.
Die verbleibenden 21 Ruderkilometer auf der Moldau von Nelahozeves nach Melnik warteten noch mit zwei Schleusen auf. Der freundliche Hafenmeister der Marina kam unserer Bitte nach und kündigte uns beim nächsten Schleusenwärter telefonisch an. Wir wurden ohne nennenswerte Wartezeit geschleust. Wenn man Tschechisch kann ist offenbar vieles einfacher! An der zweiten Schleuse gab es noch einmal ein kleines Verständigungsproblem, aber auch diese Schleusung brachten wir erfolgreich hinter uns. In Melnik, einem Weinort an der Mündung der Moldau in die Elbe, thront ein mächtiges Schloss auf einem Bergrücken hoch über der Elbe. Den ausgezeichneten Ausblick von dort konnten wir genießen, den Wein aus dem Schlossweinkeller leider nicht, weil dieser schon geschlossen hatte, als wir eintrafen. Wir übernachteten im mächtigen alten Holzbootshaus des Ruderklubs Melnik. Außer uns übernachteten dort noch andere Lebewesen, die es auf unseren Hefestuten abgesehen hatten, den wir für unser Frühstück eingekauft hatten. Wir bemerkten die hungrigen Mitbewohner jedoch so rechtzeitig, dass wir unser Frühstück in Sicherheit bringen konnten.
Unser Schleusentrauma hatten wir noch nicht bewältigt, als wir die 3.Ruderetappe auf der Elbe von Melnik nach Litomerice antraten. Vier Schleusen und 46 Ruderkilometer waren an diesem Tag zu bewältigen. Die erste Schleuse nahmen wir zusammen mit einem Frachtschiff, dem einzigen seiner Art, dem wir auf der Elbe begegnet sind. Der Frachter tuckerte in gemächlichem Tempo über die aufgestaute, strömungslose Elbe, so dass wir beschlossen, sein Tempo zu halten und auch die weiteren Schleusen mit ihm zu nehmen. In der 3.Schleuse wurde es dann gefährlich eng, da der Schleusenwärter sich für die kleine Kammer entschieden hatte. Als der Frachter in die Schleuse einfuhr und immer näher auf uns zu kam, dachte ich schon, die Wanderfahrt sei hier beendet, aber auch diese Schleusung haben wir überlebt! Der Frachter begleitete uns nicht weiter, so dass wir die letzte Staustufe allein bewältigen mussten. Es klappte problemlos, was unser Vertrauen in die Elbschleusen stärkte. An unserem Zielort Litomerice erwartete uns ein passables Bootshaus, in dem wir ein Zimmer gemietet hatten. Eine große Kindergruppe war gerade dabei, unter Anleitung des Trainers den Transport für eine Regatta zu beladen. Bereits am Vortag in Melnik hatten wir wahrgenommen, dass Rudern offenbar eine beliebte Sportart bei tschechischen Kindern und Jugendlichen sein muss. Nach dem Abendessen machten wir noch einen Spaziergang durch die malerische Altstadt, die als eine der schönsten Städte Böhmens gehandelt wird.
Am nächsten Tag gelang es uns zunehmend, unseren Schleusen-Tunnelblick wieder mehr auf die wunderschöne Landschaft im Elbtal zu lenken. Es lagen auch nur noch zwei Schleusen vor uns. Danach war die Strecke frei und strömend! Das Tagesziel Decin zeigte sich bei unserer Ankunft am Nachmittag von seiner besten Seite. Die Sonne schien auf das schöne Barockschloss und unser Spaziergang durch die Altstadt zum Schloss war ein Genuss. Im Gegensatz zum Neuwieder Schloss liefen die Pfauen hier frei herum und ließen sich stolz fotografieren.
Die 5.Etappe führte uns über die tschechisch-deutsche Grenze durch das legendäre Elbsandsteingebirge. An den Vortagen waren uns kaum andere Wasserfahrzeuge begegnet, aber an diesem Samstag änderte sich das schlagartig. Abgesehen von einem Flusskreuzfahrtschiff und zahlreichen Schaufelraddampfern waren auch viele Freizeitkapitäne im Paddel-, Schlauch- oder Motorboot unterwegs. Erstmalig auf der bisherigen Tour legten wir eine vernünftige Pause ein und kehrten in einem Biergarten mit Blick auf die Festung Königstein ein. Danach folgte ein weiteres touristisches Highlight der Strecke, das Felsmassiv der Bastei. An der dortigen Personenfähre standen unzählige Menschen an, um die Elbseite zu wechseln. Wir überlegten kurz, ob wir unsere Urlaubskasse mit Einnahmen aus einem zusätzlichen Fährdienst aufstocken sollten, verwarfen die Idee jedoch wieder. Am Zielort Pirna trafen wir schon früh ein, so dass ausreichend Zeit verblieb, das Ende der Elbschleusenära mit einem Aperol zu begießen, die Altstadt zu erkunden und den Blick von der Burg bis weit hinter Dresden zu schweifen zu lassen.
Am darauffolgenden Sonntag legten wir eine Ruderpause ein. Wir fuhren mit dem Zug nach Dresden, erkundeten zunächst die Dresdner Neustadt mit ihren Kunsthofpassagen, der Markthalle und dem goldenen Denkmal von August dem Starken. Vom Turm der Dreikönigskirche genossen wir einen fantastischen Blick auf die Stadt und das Dresdner Umland. Den üblichen Sehenswürdigkeiten der Stadt, die wir bereits aus früheren Aufenthalten kannten, schenkten wir am Nachmittag unsere Aufmerksamkeit. Nachdem unsere Füße uns für diesen Tag genug getragen hatten, fuhren wir zusammen mit zahlreichen Dynamo-Dresden-Fans mit dem Zug zurück nach Pirna.
Am 6.Rudertag ging es vorbei an Schloss Pillnitz, Laubegast und anderen idyllischen Vororten von Dresden. Die Weinberge und die großzügigen Anwesen erinnerten uns an den Rheingau. Nachdem wir unser Blaues Wunder erlebt hatten, näherten wir uns langsam dem Stadtgebiet von Dresden. Die Vorbeifahrt an den Brühlschen Terrassen, der Blick auf die Altstadt und die Unterquerung der Augustusbrücke war ein tolles Erlebnis, das man durchaus mehrmals in einem Rudererleben genießen kann. Unser Ziel Radebeul erreichten wir schon am Mittag. Radebeul besteht aus mehreren zusammengehörenden Ortschaften. Das Bootshaus der Ruderabteilung des Spiel- und Sportvereins Planeta Radebeul befindet sich im touristischen Zentrum, dem Ort mit dem für unsere Ohren etwas ungewöhnlich klingenden Namen „Altkötschenbroda“. Die dortige touristisch begehrte Gaststättenmeile enttäuschte uns ziemlich, so dass wir beschlossen, in Richtung der nahe gelegenen Weinberge zu spazieren. Unser Aufstieg zur Friedensburg, einem schlossähnlichen Anwesen oberhalb der Stadt, wurde mit einem grandiosen Ausblick belohnt. In dem Anwesen soll der „Sonnenkönig“ von Radebeul zu Hause sein, der es nach der Wiedervereinigung durch Investitionen in Ostimmobilien zum Millionär gebracht hat. Was man auf Ruderreisen so alles in Erfahrung bringt!
Der 7.Rudertag wartete nochmals mit einigen Highlights auf. Die pittoresken Weinorte an der Elbe und Meißen mit der stattlichen Albrechtsburg waren durchaus schön anzusehen. Die Erwartungen an unser Tagesziel Riesa, einer industriell geprägten Plattenbaustadt, hielten sich in Grenzen. Positiv zu erwähnen ist das schicke Bootshaus des Riesaer Wassersportvereins, in dem sehr passable Pensionszimmer vermietet werden. Auch die Strandbar am Elbufer, der Stadtpark und das ehemalige Kloster hinterließen einen positiven Eindruck bei uns.
Von nun an änderte sich das Landschaftsbild von Grund auf. Wir hatten die Norddeutsche Tiefebene erreicht. Außer der Uferböschung war keine Erhebung mehr auszumachen. Nur noch Wiesen, einzelne Bäume und hin und wieder einen Kirchturm in der Ferne, am Ufer weidende Schafe oder Kühe waren die einzigen Abwechslungen, die sich uns boten. Ein paar wenige Paddler waren auf der gleichen Strecke wie wir unterwegs. Noch nicht einmal eine Möglichkeit für eine mittägliche Einkehr lag an der Strecke. So trafen wir früh am Etappenziel Torgau ein, früher als die Regenfront, die sich bereits unterwegs unaufhaltsam auf uns zu bewegte. Zum Stadtspaziergang mussten wir erstmalig den Regenschirm auspacken. In Torgau befindet sich ein wunderschönes Renaissanceschloss, in dessen Schlossgraben zwei Bären leben, die man von der Schlossmauer aus sicherer Entfernung beobachten kann. Ansonsten ist Torgaus Geschichte von der Reformation geprägt und vom erstmaligen Aufeinandertreffen der amerikanischen und sowjetischen Truppen am Ende des 2.Weltkriegs.
Am neunten und letzten Rudertag war eine Strecke von 58 km bis nach Wittenberg zurückzulegen. Das wenig abwechslungsreiche Landschaftsbild vom Vortag setzte sich fort. Am Morgen zeigten sich uns ein paar Feldhasen, aber dann reduzierte es sich wieder auf Schafe, Kühe, ein paar Enten, Schwäne und Graureiher. Irgendwo erblickten wir ein bewohntes Storchennest. Die einzigen Wasserfahrzeuge, auf die wir trafen, waren Gierseilfähren. In Ermangelung von Einkehrmöglichkeiten legten wir unsere Pause erst 12 km vor Wittenberg in Elster an der Elbe ein. Ein kühles Radler und frisch gebackene Waffeln gaben uns Kraft und Motivation für den Endspurt. Kurz nach 16 Uhr legten wir am Steg des RC Wittenberg an. Wir hatten es geschafft! Wir reinigten unser Boot, danach uns selbst und suchten ein italienisches Lokal auf, in dem anlässlich einer früheren Elbewanderfahrt ein Ruderkollege „Regina“ auf dem Tisch vernascht hat. Wer jetzt Böses denkt, dem sei gesagt, dass es sich bei „Regina“ um eine Pizza handelte. Zu unserer Freude stand „Regina“ noch immer auf der Karte und wartete darauf, erneut „vernascht“ zu werden.
396 Ruderkilometer, 13 Staustufen, wunderschöne Orte und Flusslandschaften sowie unvergessliche Erlebnisse waren die Bilanz unserer Ruderreise. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass die Anzahl von 13 Staustufen von vorneherein nichts Gutes verheißen hat. Vielleicht war es von Vorteil, dass wir einmal umtragen mussten und nur zwölfmal geschleust wurden! Unser Schleusentrauma haben wir inzwischen überwunden und es überwiegt die Freude, dass wir unseren Traum vom Rudern durch Prag in die Realität umgesetzt haben. Auch das Befahren der böhmischen und oberen Elbe war ein landschaftlicher Genuss, den wir in bester Erinnerung behalten werden.
Bettina Grzembke




















